Teil 1: Über das Glück

 
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Im ersten Teil der Reihe „Über das Glück“ möchte ich mit euch einen Ausflug machen in einen Palast - in einem weit enfernten Land. Stellt euch ein Fest vor in der Halle des riesigen wunderschönen Palastes; ein schillerndes Fest mit vielen bunt zusammen gewürfelten Gästen. Auf dem langen Tisch in der Halle des Palastes steht in der Mitte ein gigantischer Kuchen, verziert mit einem gelb-glänzenden Schriftzug, der nur ein einziges Wort zu bilden scheint. Bei näherem Herantreten könnt ihr es entziffern:  „Glück“ 

Jeder der Gäste möchte ein Stück von diesem Kuchen haben. Die Leute scharen sich um den langen Tisch, recken ihre Hälse, stellen sich auf ihre Zehenspitzen, strecken voller Gier ihre Hände aus. Und auch ihr seid von dem Anblick verzaubert: Eine unbeschreibliche Anziehung geht von dem Kuchen mit dem gelbglänzenden Schriftzug aus. Der König des Landes nimmt ein großes Messer; so groß, dass es wie ein Schwert in seinen Händen liegt, und unterteilt den Kuchen in drei Teile.

Er zeigt auf das erste Teil und sagt: Zufälliges Glück. Und mehr als die Hälfte der Gäste stürzt nach vorne. Das Kuchendrittel fängt an zu vibrieren, zuckt und hüpft, plötzlich lebendig geworden, in die Luft, zischt zu einem Mann, der eifrig versucht es mit den Händen zu schnappen. Ein paar Krümmel landen in seinen langen Fingern und werden augenblicklich zu Goldmünzen. Das Kuchenstück fliegt weiter, wahllos fallen Krümmel in die Menge der aufgeregten Gäste, dort wird ein Kind beglückt mit Goldkrümmeln, dort eine alte Frau, das Kuchenstück wird mit jedem Mal kleiner und die Menschen immer gieriger, nur einige Wenige haben die Krümmel auffangen können und so sind die meisten leer ausgegangen als der letzte Krümmel in den Händen eines Greises zu Gold wird.  

Der König zeigt auf das zweite Stück und spricht: Freude. Der Klang des Wortes reißt die enttäuschten Gäste aus ihren Gedanken und die Trübsal, die wenige Momente davor noch ihre Gesichter lang hat aussehen lassen, ist auf einmal wie weggeblasen. Aufgeregt sehen sie zu, wie nun auch das zweite Kuchenstück zu vibrieren beginnt, doch dieses Mal erklingen die wunderbarsten Melodien, und das Kuchenstück malt die schönsten Bilder in die Luft. Die Herzen der Menschen pochen schneller bei dem Anblick solcher Schönheit und solchen Wohlklangs.  Sie fallen sich gegenseitig in die Arme und beginnen zu tanzen. Doch auch dieses Mal wird das Kuchenstück immer kleiner, und als der letzte Ton verklungen ist und das letzte Bild verblasst, fällt der letzte Krümmel zu Boden, und die Freude weicht aus der Halle und aus den Augen der Gäste. Manch einer lächelt weiter vor sich hin, jedoch die meisten verfallen wieder in ihre vorherige Stimmung zurück. 

Der König zeigt nun auf das letzte Stück und sagt: Zufriedenheit. Die Menschen schauen erwartungsvoll, ihre Münder weit geöffnet. Was kann jetzt noch kommen?

Das letzte Kuchenstück liegt unscheinbar auf der Platte. Nichts regt sich. Alle halten gespannt den Atem an. Der König nimmt vorsichtig das Kuchenstück und verteilt es unter den Leuten. Da es so viele Gäste sind, bekommt jeder nur ein paar Krümmel zum Probieren. Ihr probiert die Krümmel, lasst sie langsam auf der Zunge zergehen, sie schmecken süßlich-mild, aber dennoch empfinden die meisten Gäste den Geschmack als fade, als alles andere als das, was sie sich von einem solch prächtigen Kuchen erhofft hatten. Viele verlassen am Ende des Abends enttäuscht und mit hängenden Schultern die Halle des glänzenden Palastes, nur einige wenige lächeln zufrieden, als sie die Tore nach draußen durchschreiten, in der Erinnerung des lieblichen Geschmacks des Kuchens auf ihrer Zungenspitze und den Nachhall der Musik leise schwingend im Ohr.