Was macht das Leben lebenswert?

"Was macht für euch das Leben lebenswert?"

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Zuerst möchte ich mit der Frage beginnen, was die Menschen brauchen für ein gutes Leben. Eine Voraussetzung ist sicherlich, dass die körperlichen Grundbedürfnisse erfüllt sind. Also Essen und frisches, sauberes Trinkwasser oder die nötigen Stunden an Schlaf. Und die geistigen Bedürfnisse nach wirtschaftlicher Sicherheit, Freude, persönlicher Freiheit, Selbstachtung, Zuneigung und Wachstum. Jedoch ist es zu keinem Moment im Leben möglich, dass alle diese Bedürfnisse stets gleichermaßen befriedigt sind, denn die Wichtigkeit der einzelnen Bedürfnisse wechselt dauernd, zudem schränkt beispielsweise das Bedürfnis nach Sicherheit Freiheiten ein.

Wünschenswert ist, dass, auch wenn nicht alle wichtigen Bedürfnisse erfüllt sind, die Menschen nicht hoffnungslos das eigene Leben anzweifeln. Natürlich ist das leicht gesagt, wenn man sich, hier im Westen lebend, keine Sorgen um Essen und Trinken machen muss. Wie kann ich mich denn in ein Kind hineinversetzten, das Hunger leidet, wo ich doch nie wirklich Hunger leiden musste? Ich kann es nur versuchen. Jedoch wäre es anmaßend anzunehmen, dass meine Vorstellung auch nur halbwegs der Realität entspricht. Dennoch sollte jeder in schweren Zeiten versuchen, den Schweif des Hoffnungsschimmers am grauen Himmel zu sehen. Hoffnung auf ein besseres Morgen. Bei Hoffnung geht es dabei gar nicht mal so sehr um die Zukunft - vielleicht scheint es auf den ersten Blick so -; die Aufgabe der Hoffnung liegt aber vor allem darin, dem Hoffenden in dem Moment des Hoffens Kraft zu geben, um weiter zu machen, die Aussicht darauf lebendig zu halten, dass sich irgendwann alles auszahlen wird, dass es sich lohnt zu leben. Die Religionen erfüllen im besten Fall diese Aufgabe. Sie sollen der menschlichen Existenz einen Sinn geben. Sie schenken den Menschen Hoffnung, dass sich ihre Bemühungen auszahlen, dass am Ende doch irgendwie Gerechtigkeit existiert. 

Wenn Leben einen Sinn hat, dann muss auch Leiden einen Sinn haben
— Victor Frankl

Jeder Mensch, egal in welcher Situation, hat die Wahl, sich in einer Opferrolle zu sehen oder sich für die Hoffnung zu entscheiden. Diese Wahl, diese Freiheit kann niemanden genommen werden. Ja, vielleicht ist es sogar die einzige Freiheit, die für uns alle existiert. Auch ein zum Tode Verurteilter, bei dem man meinen könnte, er hätte jeglichen Anspruch auf Freiheit verloren, besitzt die Freiheit einer Wahl. Im Angesicht des Todes kann ihm bewusst werden, wie kostbar das Leben ist, und er kann sich dazu entscheiden, diese letzten Momente, die ihm vergönnt sind, zu nutzen, um Frieden zu finden. Er kann sich dafür entscheiden, seinem gelebten Leben einen Sinn zu geben, der Welt zu verzeihen und sich zu verzeihen. Victor Frankl drückt es in seinem Buch „…trotzdem Ja zum Leben sagen“ so aus: „Wenn Leben einen Sinn hat, dann muss auch Leiden einen Sinn haben“. Das Leiden kann uns auf die Schönheit des Seins aufmerksam machen. Der Häftling kann rückblickend Dinge finden, die sein Leben lebenswert gemacht haben, sei es auch nur, dass er sich daran erinnert, wie er als kleiner Junge in einem Wald gestanden hat und mit dem Kopf in seinem Nacken die Sonnenstrahlen durch die Baumwipfel der Birken tanzen sah. Und sein Herz bei diesem Anblick einfach vergaß, für einen Moment zu schlagen, oder wie er einmal zu den glitzernden Sternen hoch blickte mit dem Gefühl, dass da oben jemand mit tausend kleinen Augen zurück zu schauen schien. Es sind die kleinen Momente, die bunten Schattierungen des Laubes im Herbst oder die Augen der Mutter, wenn sie lacht, an die wir uns später erinnern werden. Unsere Gefühle in diesen Momenten bleiben im Gedächtnis hängen. Ein volles, schönes Leben hat man, wenn man immer wieder versucht, im Moment aufmerksam zu sein, nicht dauernd in der Vergangenheit versinkt oder sich ständig über die Zukunft den Kopf zerbricht. Dies ist schwierig. Aber es geht darum, dass man es versucht, mehr als wir es gelernt haben. Unsere Aufgabe besteht darin, jeden Tag von neuem Dinge zu finden, für die es sich lohnt zu leben. Und ja, das kann manchmal verdammt hart sein. Ich versuche es jeden Tag aufs Neue, und sie sind so zahlreich, diese Momente, in denen ich in die Ferne blicke, im Grauen Trüben den Waldesrand nur erahnend die Kälte der Winterluft tief einatme, verbunden mit der Welt den Puls der Zeit pochend in den Adern spüre.

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Wenn du dabei deine Sicht erweiterst, kannst du die Dinge aus einer anderen Perspektive sehen. Du kannst beispielsweise ein vertieftes Verständnis für die eigene Geschichte und das Leben der anderen bekommen, verstehen, aus welchen Gründen jemand handelt und was ihn zu dem Menschen gemacht hat, der er ist. Um aber überhaupt dies tun zu können, ist ständiges Bemühen notwendig, sich in sein Gegenüber hineinzuversetzen oder die Zusammenhänge in der eigenen Geschichte verstehen zu wollen. Dabei ist wichtig zu bedenken, dass Menschen Herausforderungen brauchen, denn wenn alles vermeintlich Wichtige schon erreicht ist, fehlt das Wichtigste, der Raum zum Wachsen. Das Ausstrecken zum Himmel, das Entwickeln, das Verändern, das Streben nach dem besten Selbst. Oft fehlt, gerade in unserer westlichen Wohlstandsgesellschaft, der Ansporn etwas zu machen, zu wachsen, gerade weil schon so viel durch die Arbeit der vorangegangenen Generationen erreicht ist, ruhen wir uns darauf aus. Jedoch ist Entwicklung ein innerer Prozess, der oft nicht äußerlich sichtbar ist. Es wird vermeintlich angenommen, dass schon alles erreicht ist, die Seele, die nicht mehr wachsen kann, verkümmert; der Mensch hört auf an sich zu arbeiten, und wenn man aufhört zu wachsen, dann hört man auf zu leben, man existiert nur noch oder besser gesagt ist bereits am Sterben. 

Man kann, oder man sollte dennoch zufrieden mit dem sein, was man hat und zufrieden mit der Tatsache, dass man die Freiheit besitzt, Dinge ändern zu können, die Möglichkeit zum Wachstum. Was das Leben lebenswert macht, kann man manchmal gar nicht erkennen, die Freude über den Erfolg durch harte Arbeit verspürst man nicht, wenn man die Arbeit noch vor sich hat. Es ist jedoch wert für etwas zu arbeiten, was sich dann auf lange Sicht auszahlt. Wenn man beispielsweise Kinder erzieht, gibt es Phasen in denen es nicht einfach ist. Jedoch rückblickend, auf dem Sterbebett, ist man froh darüber, investiert zu haben. Seneca hat einmal gesagt „Viele Menschen leben, als würden sie nicht sterben“. Doch gerade der Gedanke daran, dass man stirbt, ist so wichtig. Man hat immer nur einen Moment, der dann direkt wieder durch die Finger rinnt, wie warmer Sand am Meer. Das ist das Trügerische an der Zeit: Wir meinen sie zu besitzen.

Um ein lebenswertes Leben zu führen, muss man begreifen, wie kostbar dieses Leben ist.

Die Wahrheit ist aber, dass die Zeit einfach weiter läuft, sich gar nicht für uns zu interessieren scheint. Dass wir sterben werden, ist die einzige Gewissheit unseres Lebens. Um ein lebenswertes Leben zu führen, muss man begreifen, wie kostbar dieses Leben ist. Wenn man den Mut hat, mit diesem Wissen voll und ganz zu leben, ja zum Leben sagt, um des Lebens willen, mit allem was es bringen mag, die kleinen Momente genießt, sie sich auf der Zunge zergehen lässt wie Zitronensorbet im Sommer, ja selbst im Schmerz oder im Leiden eine Art Genugtuung spürt, dass man lebt, dass man überhaupt leben muss, um diese Gefühle, dieses Erleben zu haben, dann wird das eigene Leben  für einen lebenswert. 

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Man muss einfach Vertrauen in sich haben, in seine Stärken, das Beste aus jedem Moment machen zu können. Wir können kaum ein Ereignis wirklich aktiv beeinflussen. Die Wahrheit ist, dass fast alle Ereignisse sich unserer Kontrolle entziehen, das Einzige worauf wir meist Einfluss haben, ist unsere Reaktion darauf und die kann alles ändern. Das Leben hat seine Höhen und Tiefen und je schneller man lernt, das einfach zu akzeptieren, lernt damit umzugehen, desto schneller kann man sich darauf konzentrieren, die schönen Momente im Leben zu genießen und die schlimmen Momente zu meistern. Am Besten erscheint mir, das Leben wie eine aufregende Achterbahn zu sehen und dabei das Flattern der Haare im Wind genießen.

Die Schönheit des Lebens besteht gerade darin, seine Schönheit selber entdecken zu können, nicht die vorgefertigten Normen der Gesellschaft ohne zu hinterfragen anzunehmen, sondern sie ganz neu für sich zu definieren. Man könnte auch sagen: Man muss sich das eigene Leben aktiv aneignen, damit es Eigenes Leben wird.

Man sollte dankbar sein, diese Erfahrung, die Erfahrung des Lebens, zu haben, machen zu dürfen. Ja, am Ende werden wir alle sterben, aber gerade deshalb sollten wir doch anfangen zu leben. Wir sollten uns bewusst machen, dass wir jetzt schon ein Teil von einem Ganzen sind, wir hören vielleicht auf zu denken, Menschen zu sein, jedoch sind alle Teile, die uns ausmachen, immer noch auf der Welt, wir gehen nicht verloren, wir sind nur nach unserem Tod in einer neuen Form da, die sich ändert, immer weiter ändert. Und das ist doch gerade das Schöne an Allem. 

Jedes Leben ist kostbar, was das Leben für jeden einzelnen lebenswert macht, ist natürlich unterschiedlich, mag sein, dass verzweifelte Seelen den Glauben verloren haben, jedoch sollte man versuchen, auch in der schlimmsten Situation dankbar zu sein, dass man noch am Leben ist. Und ich möchte mir dabei nicht anmaßen, mir vorstellen zu können, wie unglaublich schwer das für manche sein muss. Doch die Ungewissheit über die Länge unseres Lebens drängt uns dazu, dass Leben, was wir haben, zu schätzen. Man könnte fast sagen, dass der Gedanke an den unvermeidlichen Tod das Leben lebenswert macht. Deshalb sollte man jeden Fehler, jedes Trauern wie auch jeden Glücksmoment zelebrieren, denn sie sind nur ein Zeichen dafür, dass man noch lebt, und in ihrer Summe sind sie ein ganzes Leben.